Rolle der Photovoltaik beim Netzausbau

Die vier großen Betreiber überregionaler Stromnetze haben erstmals einen Netzausbauplan vorgelegt, der die geänderten Anforderungen durch die Energiewende berücksichtigt. Ältere Planungen, die noch vor der Katastrophe in Fukushima vorgenommen wurden, sahen einen Neubau vor knapp 2.000 Kilometern vor. Selbst davon ist bislang erst ein Zehntel realisiert worden. Nach Auffassung von Wirtschaftsminister Rösler befindet sich der Netzausbau damit im Zeitplan, alle übrigen Beteiligten sehen das allerdings gänzlich anders. Durch die Abschaltung der Kernkraftwerke und die Konzentration der Stromerzeugung auf Windparks an der Küste und auf See verdoppelt sich der Bedarf an neuen Leitungen, 3.800 bis 4.000 Kilometer werden nun benötigt. Darüber hinaus besteht für mehr als 4000 Kilometer vorhandener Leitungen Modernisierungsbedarf. Die Gesamtkosten des Netzausbaus werden sich bis zur Abschaltung der letzten Atommeiler 2022 auf mehr als 30 Milliarden Euro belaufen.

Windkraft macht Netzausbau erforderlich

Norddeutsche Windparks sollen nach gegenwärtiger Planung schon in wenigen Jahren ein Drittel des gesamten deutschen Strombedarfs decken, mittelfristig soll der Anteil sogar auf die Hälfte des Gesamtbedarfs steigen. Dabei ersetzen sie auch zahlreiche Atomkraftwerke in Bayern und Baden-Württemberg. Dieses Abrücken vom Prinzip der Stromerzeugung nahe beim Verbraucher ist die wesentliche Ursache für den großen Bedarf an neuen Fernleitungen. Die Photovoltaik Branche weist daher darauf hin, nicht für den Netzausbau verantwortlich zu sein. Tatsächlich ist die Photovoltaik sehr gut zur Stromerzeugung am Ort des Verbrauchs geeignet. Mit besseren Stromspeichern als den heute verfügbaren könnten zahlreiche private Haushalte und Unternehmen ihren Eigenbedarf durch eine Photovoltaik Anlage komplett abdecken. Auf diese Weise könnte der Solarstrom den Umfang des erforderlichen Netzausbaus sogar deutlich verringern – wer sich selbst versorgt, braucht keinen Strom von der Küste.

Bedarfsplanung mit vielen Unbekannten

Genau diese Art von Unwägbarkeiten macht die Bedarfsplanung für den Netzausbau angreifbar. Die Netzbetreiber, die im Auftrag der Bundesnetzagentur diese Planung vorgenommen haben, waren an strikte Vorgaben ihrer Auftraggeberin gebunden. Der Auftrag lautete, den Bedarf für den heute geplanten Zubau an erneuerbaren Energien zu ermitteln. Er umfasste ausdrücklich nicht die Untersuchung alternativer Szenarien, die möglicherweise mit deutlich weniger neuen Stromleitungen auskämen. Eine zukünftig möglicherweise deutlich erhöhte dezentrale Selbstversorgung durch Photovoltaik Anlagen mit effektiven Stromspeichern ist nur eine Unbekannte in dieser Kalkulation. Einige Bundesländer planen zusätzlich, den Ausbau von Windkraftanlagen an Land zu forcieren, statt weitgehend auf Offshore Windparks zu setzen. An Land erzeugen Windräder deutlich weniger Strom, dafür aber am Ort des Verbrauchs. Auch der verstärkte Ausbau konventioneller Gas- oder sogar Kohlekraftwerke wird wieder diskutiert. Mit der Rolle des Lückenbüßers für Zeiten mit wenig Wind- und Solarstrom sind die potenziellen Betreiber nicht einverstanden, weil sich die Kraftwerke so nicht wirtschaftlich betreiben lassen.